Was erlebt ein Embryo im Mutterleib?
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Was ein Embryo in den ersten neun Monaten im Mutterleib erlebt, ist noch nicht restlos erforscht, doch die Experten sind sich sicher, dass es von existentieller Bedeutung ist. Deshalb werden die neuen Erkenntnisse der “perinatalen Programmierung” die Schwangerschaftsvorsorge in naher Zukunft revolutionieren.

Vorliebe für bestimmte Musik
Christine ist im siebten Monat schwanger und weiß, dass es ein Junge wird: Tamino. Die 29-jährige hat festgestellt, dass ihr Baby einen ausgeprägten Musikgeschmack hat. Christine: “Der Kleine steht auf Tschaikowsky. Während ich dachte, Walzer sei Walzer, und Musik ist für Babys alles gleich, musste ich feststellen, dass er sich bei Strauss dezent zurückgehalten hat, und bei Tschaikowsky im Takt mitgestrampelt hat.”

Ist das pure Einbildung oder können ungeborene Babys mehr, als man bislang vermutet hat? Die Säuglingsforschung zeigt, dass Neugeborene Melodien, Sprachen und Stimmen wieder erkennen, die sie im Mutterleib gehört haben. Und sie entwickeln schon früh ihre eigenen Vorlieben, die durchaus nicht mit denen der Mutter übereinstimmen müssen.

Außenwelt – Innenwelt
Die Welt im Mutterleib ist durch eine permanente Geräuschkulisse geprägt. Durch die Bauchdecke nimmt ein Baby ab dem sechsten Monat die gedämpften Geräusche der Außenwelt wahr. Die Schallwellen werden über das Fruchtwasser weiter gegeben. Bevor es auf die Welt kommt, hört es etwa 25 Millionen Mal den Herzschlag der Mutter – begleitet von einem leisen Darmgluckern. Die Stimme der Mutter wird über die Knochen und die beiden Beckenschaufeln übertragen. Das Baby hört also stereo. Es erkennt die Stimme der Mutter, ihre Sprachmelodie, ihren Herzrhythmus – und reagiert darauf.
Am wohlsten fühlen sich die Babys, wenn sie die vertrauten Stimmen und Geräusche hören. Prof. Schulte-Markwort: “Es ist wichtig, dass jede Schwangere von Beginn an sich selbst zur Expertin macht für ihr eigenes Kind. Sie sucht und findet Indikatoren, an denen sie feststellt, ob ihr Kind sich wohl fühlt oder nicht.”

Die Reize, die das Ungeborene erlebt, prägen seine körperliche und emotionale Entwicklung. Hier werden schon wichtige Grundmuster festgelegt. Doch Wunderkinder bringt eine Beschallung mit klassischer Musik nicht hervor. Das fetale Gehirn ist weder weit genug entwickelt, um komplizierte Partituren zu verstehen, noch lernt es durch Morsezeichen auf den Bauch Wörter oder Zahlen.
Frühe Programmierung
Schon im Mutterleib werden die Grundlagen für spätere Krankheiten gelegt wie Diabetes, Asthma, Übergewicht oder Herzerkrankungen, die sich sogar auf die nachfolgende Generationen übertragen können. Schwangere sind nicht nur verantwortlich für den eigenen Nachwuchs, sondern auch für die Gesundheit ihrer Kindeskinder, der nachfolgenden Generationen.

Auch der Schwangerschaftsmythos “Für zwei zu essen” gehört der Vergangenheit an, denn Dicksein beginnt schon im Mutterleib. Übergewicht bei Schwangeren hat nicht nur dicke Babys, sondern auch dicke Erwachsene zur Folge – bedingt durch einen fehlgesteuerten Stoffwechsel im Mutterleib. Ein wirksamer Schutz gegen das Dickwerden wird durch Stillen erzielt.
Sensible Sinneswahrnehmung
An über 100.000 Müttern und ihren Kindern konnte nachgewiesen werden, dass Muttermilch das langfristige Übergewichtsrisiko um 30 Prozent senkt. Zudem hilft Stillen dem Neugeborenen sich mit seinen Sinnen außerhalb des Mutterleibs zu orientieren. Gerüche bilden dabei eine erste Brücke zwischen den beiden Welten. Denn die Geruchsstoffe der mütterlichen Nahrung gehen in das Fruchtwasser und auch in die Muttermilch über.

Die Gefühlswelt der Mutter bestimmt das Seelenleben des Ungeborenen. Normaler Stress in der Schwangerschaft gehört zum Alltag. Doch zuviel davon kann das Risiko erhöhen, dass das Kind später an ADHS, die Aufmerksamkeitsdefizit- Hyperaktivitätsstörung leidet. Fest steht, die Außenwelt, vor allem das Befinden der Mutter, beeinflusst das werdende und spätere Leben des Kindes.
Prof. Michael Schulte-Markwort: “Wenn man davon ausgeht, dass Neugeborene mit Basisgefühlen wie Freude, Ärger, Angst und Schreckreaktionen ausgestattet sind, dann können wir auch davon ausgehen, dass dies im Mutterleib da ist. Auch wenn wir nicht ganz genau festlegen können, ab welchem Zeitpunkt das genau vorhanden ist.” Noch steht die Erforschung des “Seelenlebens” vor der Geburt am Anfang. Je mehr wir über das Ungeborene wissen, desto leichter können wir ihm beim perfekten Start ins Leben helfen.

